7 Jan 2018

Sawsan Chebli - Das ist, Sie ist ... wohl sehr mutig!

Submitted by ebertus

Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli macht in Sachen "Deutschsein" eine mutige, eine durchaus diskussionwürdige Aussage.


"Deutsche Muslime seien Teil der deutschen Gesellschaft, die noch lange nicht damit fertig sei, die Verbrechen der NS-Zeit aufzuarbeiten. Als Deutsche hätten Muslime damit eine Verantwortung, gegen Schlussstrich-Debatten und Vergessen einzustehen"


Sawsan Chebli verpackt in diesem Statement gleich drei Implikationen, welche durchaus nicht unkritisch, oft auch kontrovers zu sehen sind:

# Zuerst die eher rhetorisch zu verstehende Aussage, dass Muslime Teil der deutschen Gesellschaft sind.

# Dann die Feststellung, dass die Aufarbeitung der NS-Zeit "noch lange nicht" abgeschlossen sei.

# Und abschließend eine Zuweisung von Verantwortung an die Muslime für die [jedwede?] deutsche Geschichte


Ich finde das durchaus diskussionswürdig, weil genau diese Fragen implizit wie explizit immer wieder Teil von Diskursen sind, nicht selten von das Gegenüber diffamierenden Diskursen. Was macht Deutschsein  aus? Vielleicht gar im Sinne einer Etablierung doppelter Standards?

Auf meinen dahingehend kurzen und ohne Antwort verbliebenen Mailwechsel mit Elias Davidsson hatte ich an anderer Stelle  hier bei den Termiten bereits hingewiesen, gibt mir nun Sawsan Chebli ihre  Antwort, was die Menschen (Muslime) mit deutschem Pass betrifft.

Mit Chebli's erster Aussage mag ich konform gehen, denn die deutsch Staatsbürgerschaft wurde den Menschen ja nicht übergestülbt, hatten sie in erster Generation (sog. Gastarbeiter etc.) dafür einen Antrag zu stellen. Insofern -und diese Diskussionen hatten wir auch im privaten Umfeld bezüglich einer Auswanderung jüngerer Menschen- insofern ist es eigentlich klar, eigentlich selbstverständlich, dass man sich als Einwanderer weitgehend integriert, eben Teil der Gesellschaft wird.

Die zweite Aussage dagegen scheint mir etwas zu pauschal, weil "noch lange nicht" dann schon die Frage herausfordert: Wann dann? Soll man das in konkreten Zeiträumen beziffern, oder bleibt es der jeweils und sehr unterschiedlich interpretierten Historie anheim gestellt? Hannah Arendts Neubeginn qua Geburt wird damit und zumindest von Chebli als obsolet hingestellt; auf irgendwann vertagt.

Die dritte Aussage von Chebli mag man gegenüber den Muslimen (mit deutschem Pass) gar als übergriffig verstehen. Wofür werden sie denn nun "in Verantwortung" genommen, vereinnahmt? Nur für die NS-Zeit? Oder für jedwedes Handeln eines irgendwie, irgendwann sich deutsch  nennenden Staates? Und mehr noch, gilt diese Aussage nur für Muslime mit (nunmehr) deutschem Pass? Oder unter Vermeidung doppelter Standards sehr grundsätzlich für alle Menschen, die eine Staatsbürgerschaft übernehmen - freiwillig und aktiv handelnd, oder vielleicht als Kind über die Eltern und im Grunde fremdbestimmt?

Letzteres hätte somit Auswirkungen auf die Verantwortung für alle in der Vergangenheit begangenen Handlungen eines Staates, dessen Staatsbürgerschaft man neu, zusätzlich etc. erlangt.

Diese Handlungen und insbesondere die Verbrechen für einzelne Staaten aufzuzählen, das mag ich mir vorerst ersparen ...

Kommentare

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«Letzteres hätte somit Auswirkungen auf die Verantwortung für alle in der Vergangenheit begangenen Handlungen eines Staates, dessen Staatsbürgerschaft man neu, zusätzlich etc. erlangt.»

Ein Staat ist eine Gesellschaft als «juristische Person»

Hier setzt du offensichtlich die Verantwortung des Staates und die Verantwortung der einzelnen Person im Staate gleich. Das ist schlampig gedacht und führt zu der beliebt, berüchtigten Formel: «Wir sind der Staat.»

Wir sind NICHT der Staat, weil eine Gesellschaft eine juristische Struktur hat, die besteht aus:

  • Zivilgesellschaft natürlicher Personen.
  • Wirtschaftsgesellschaft juristischer Personen.
  • Interessensvertreter der zivilen Gesellschaft und der wirtschaftlichen Gesellschaften.
  • Verwaltung mit einem Vorstand (Regierung), Aufsichtsrat (Parlament).
  • Eigentümer kann nur eine natürliche Person sein.
  • Juristische Gesellschaften verwalten einen Besitz treuhänderisch für die Eigentümer.

Wir haben heute die Möglichkeit, uns weltweit zu informieren und diese Informationen miteinander zu vergleichen.

Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli reduziert ihre Aussage auf Deutschland.

Damit versucht sie die Muslime in Deutschland zu integrieren. Das ist löblich, grenzt aber auch andere Möglichkeiten strikt aus. Letztlich geht es um die menschliche Dimension als spirituelles Wesen in seiner Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft. Wirtschaftlich sind wir sowieso global vernetzt und beuten in kolonial kapitalistischer Manier  weiterhin viele Staaten gnadenlos aus.

Eine persönliche Verantwortung für die Verbrechen der Vergangenheit haben heute nur noch sehr wenige Menschen, weil die meisten Bösewichter bereits weggestorben sind. Das ist in sehr vielen Staaten so. Zurück bleibt die Verantworung eines Staates, die Folgen der Verbrechen zu lindern und weitere Verbrechen zu verhindern. Das haben einige Staatsdespoten aber noch nicht begriffen, weil sie sich und ihre Ideologie aus der Vergangenheit begründen, statt die Zukunft politisch zu gestalten.

Nehme ich die hier vorherrschende Religion, dann ist die geprägt vom gewalttätigen Christentum der unterschiedlichen Sekten von orthodox, römisch-katholisch bis lutherisch-protestantisch. Die kanonische Bibel als Buch der Bücher wurde im vierten Jahrhundert zusammen gestellt. Vor der Bibel gab es hier keltische und germanische Religionen, die gewaltsam verdrängt wurden. Die Bibel enthält das alte Testament der Juden als Wurzel des Christentums. Weitere Bücher fehlen aber in der Bibel; stellvertretend sei hier das christliche Thomas-Evangelium genannt, von den Thesen des Arius ganz zu schweigen.

Wenn allerdings die Bibel das Buch der Bücher werden sollte, also das Buch der Religion, dann fehlen noch weitere Bücher:

Koran, Bhagavat Gita, Tao-Te-King, konfuzianistische Schulen, hinduistische Schulen, buddhistische Schulen, shintoistische Schulen, ...

Die Integration von Menschen in eine Gesellschaft funktioniert darum nur, wenn die persönliche Weltanschauung zur Privatsache erklärt wird und auch funktional genau das ist und respektiert wird.

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Antwort auf Heinz  zum Kommentar Verantwortung
 

"Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli reduziert ihre Aussage auf Deutschland."

In meinem Verständnis ist das durchaus eine sehr grundsätzliche Frage. Ganz ohne die vielen Flüchtlinge war es schon während der letzten Jahrzehnte in der zunehmend globalisierten (westlichen) Welt nicht unüblich, dass sich Menschen aus verschiedenen Staaten liierten, dann auch hier, dort, irgendwo Nachwuchs bekamen. Allein wir haben in unserem Umfeld mehrere derartige Beziehungen.

Wenn also die erwachsene Tochter von Freunden -mit einem Franzosen liiert und auch dort lebend- demnächst ein gemeinsames Kind bekommt - wie stellt sich dann die Frage der "Verantwortung" (Chebli) für die Mutter und gar das Kind in Sachen der "noch lange nicht" aufgearbeiteten Greultaten französischer Kolonialherren, beispielsweise in Algerien?

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Antwort auf ebertus  zum Kommentar Ist schon die Frage?
 

Wir leben in den deutschen Ländern. Die gesamte Geschichte seit der letzten Eiszeit ist eine Migrationsgeschichte von den Indoeuropäern zwischen Atlantik und Hindukusch. Nehme ich allein die deutschen Länder, dann ist der Konflikt der Reformation nicht einmal überwunden. Noch tiefer fällt die Eroberung der ostelbischen Gebiete durch die Sachsen und die Franken. Die Slaven hatten keine Machtpolitik betrieben, sondern dort gesiedelt, wo sie für ihre bäuerliche Kultur einen Platz fanden.

Die jüngste Weitsichtigkeit der Arbeitslosenbeamten hatte dafür gesorgt, daß Fachkräfte aus Deutschland weggeschickt worden waren, um Statistiken zu schönen. Diese meist jungen Leute lassen sich nieder, bekommen Kinder und bleiben dort. Heute fehlen Fachkräfte.

Diese jungen Leute haben nur die persönliche Verantwortung für die Geschichte und daß sich die Verbrechen der Geschichte nicht wiederholen; das gilt global. Darum setzt diese persönliche Verantwortung voraus, daß sie selbst entscheiden können, welche «Friedenseinsätze» sie mitmachen; eine allgemein Wehrpflicht ist damit kategorisch ausgeschlossen.

Antwort auf Heinz  zum Kommentar Verantwortung
 

Also mich überzeugt das nicht. Und gäbe es dazu eine ernsthafte gesellschaftliche Debatte, die ich nicht erwarte, würde vermutlich was anderes rauskommen, als die Initiatorin angestrebt hat.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Migranten, die ja auch überhaupt keine homogene Gruppe sind, die Vorstellung, mit der Wahl des Wohnortes würden sie auch die Geschichte des Ortes mitgewählt haben, auch nur erwägen werden. Und sollten die dann vielleicht noch selektiert werden? Sollten eingewanderte russische Juden, dass könnten 100.000 sein oder hier dauerhaft lebende Israelis auch nur einen Gedanken daran verschwenden? Oder allgemein die hier lebenden Nachfahren einstiger Sowjetbürger, an deren Vorfahren das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte begangen wurde? Für zugewanderte Araber aber gilt anderes? Und wieder anderes für EU-stämmige?
Was sollte da rauskommen, wenn nicht so eine Art Nürnberger Gesetz der schuldstämmigen.

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In gewissen, eher alternativen Pro  wie Con - Kontexten wird schon, auch ernsthaft, darüber diskutiert. Genau deshalb hatte ich das hier bei den Termiten zum Blogthema erhoben, meine Zweifel an der realen Exekution eben dieses Zwanges geäußert.

Einmal mehr sei auf das Buch des ehemaligen Knesset-Sprechers Avraham Burg mit dem fordernden Titel "Hitler besiegen" und auf die Doku "Defamation" des israelischen Filmemachers Yoav Shamir verwiesen; letztere auch via der Termitencloud in deutscher Sprache und in entsprechender Qualität verfügbar.

Via dem Buch und in dieser Doku wird genau das gezeigt, was Sawsan Chebli in der ihr zugestandenen Naivität einfordert.

Bild des Benutzers Heinz

Idealistische Aufrufe an die Rassisten der ganzen Welt sind sicher gut gemeint, verfehlen aber wohl ihren Zweck weit. Egal, was bei einem Rassistengesetz heraus kommen mag, gehe ich davon aus, daß die Migranten ihren eigenen Rassismus als soziale Prägung mitbringen und praktizieren – wenn sie das hier dürfen.