15 Jan 2015

Offener Brief an KenFM

Submitted by ebertus

Lieber Ken Jebsen,

eine Bloggerin, welche Ihren Kanal bereits seit längerer Zeit mit Interesse beobachtet, sie machte mich auf das aktuelle Video "Me, Myself and Medien #3 - Wer ist alles Charlie?" aufmerksam. Die von Ihnen zu den Ereignissen in Frankreich beigesteuerten Überlegungen mag ich ausdrücklich als auch die meinen bestätigen, wenngleich es mir hier primär um die aktuelle Rosa Luxemburg Konferenz (RLK) und die Junge Welt (JW) gehen soll. Vorab habe ich Ihrem Anliegen unter dem Stichwort "KenFM / Zuckermann" und via der auf Ihrer Website angegebenen Bankverbindung eine kleine Spende zukommen lassen, wollte die Beweggründe nun hier noch etwas erläutern.

Seit einigen Jahren unterhalte (bzw. unterhielt, siehe weiter unten) ich bei der JW ein Digitalabo, primär aus Solidarität, weil im Netz ansonsten weitgehend frei lesbar. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass ein derartiges, von Kapitalinteressen unabhängiges Medium absolut wichtig ist. Gerade die Ukraine-Berichterstattung hebt die JW positiv vom transatlantisch-bellizistisch determinierten medialen Mainstream ab. Darüber hinaus war ich bereits in 2014 Teilnehmer der RLK, bin ab und zu bei Veranstaltungen in der JW-Ladengalerie, wurde vor einigen Jahren durch eine Bloggerin (Wochenzeitung: derFreitag) in Sachen Nahost (Israel, Palästina etc.) sensibilisiert. Und genau in letztgenanntem Zusammenhang kamen Sie, lieber Ken auf meinen gesellschaftspolitischen Radarschirm; wenn ich das mal so salopp sagen darf.

Ihr Gespräch mit Moshe Zuckermann war sozusagen unser erster medialer Kontakt und ich bin nach wie vor angetan von diesem Dialog. Zuckermanns "Antisemit!" hatte ich bereits gelesen und den Autor dann in der JW-Ladengalerie bei Vorstellung seines Buches "Wider den Zeitgeist Bd. II" real und in der Diskussion erlebt. Jeder einzelne Text aus dieser Essaysammlung ist sein Geld (Laika-Verlag) wert, so meine Meinung. Insbesondere was Wagner(musik) in Israel angeht hatte ich auf der RLK-2014 ein interessantes Gespräch mit der damals bereits designierten neuen Chefredakteurin von Melodie&Rhythmus (M&R), Susann Witt-Stahl, welche mit Zuckermann wohl ebenfalls gut bekannt ist.  Gerade Witt-Stahl konnte ich später sowohl in der Ladengalerie als auch im Sprechsaal (mit Sabine Schiffer) mehrfach real erleben, habe mittlerweile das von Witt-Stahl zusammen mit Michael Sommer herausgegebene Buch "Antifa heisst Luftangriff" mit Gewinn gelesen.

Soweit vielleicht zu meinem Hintergrund, auch und gerade was Medien, deren subtile bis offene Propaganda angeht. Ein Bonmot am Rande darf das Vorgenannte abschließen: Bei derFreitag hatte ich zu Ihrem Gespräch, dem Video mit Moshe Zuckermann einen Blogtext eingestellt, der ob seiner kommentatorischen Resonanz dann ganz prominent auf der Frontseite unter "Meistkommentiert" landete. Nur kurz jedoch, weil er wegen der redaktionellen Rückdatierung -ein wohl gängiges Verfahren für nicht genehme Texte und noch unterhalb einer konkreten Sanktion gegenüber dem Autor- dann aus der direkten Sichtbarkeit verschwand. So what - wenigstens (noch) kein Hausverbot; dort....

Damit wäre nun übergeleitet zur JW, zur RLK in 2015 und diesem Hausverbot, möglicherweise nicht nur Ihnen gegenüber. Bei den termiten, einer kleinen und relativ neuen Website, welche von (auch ehemaligen, dort sanktionierten) FreitagsbloggerInnen betrieben wird, dort habe ich meinen Bericht zur Konferenz eingestellt, bereits gewisse Kritik am Veranstalter geübt, das Verhalten der Linken (als Partei) und insbesondere der JW ein Stück weit thematisiert. Und es ist mir dabei wie Schuppen von den Augen gefallen, der Grund, warum wir trotz gültiger Eintrittskarte mehr als dreissig Minuten im Regen ausharren mussten. Bereits an der ersten Tür waren zwei, manchmal auch drei Türwächter im Einsatz, später drinnen, hinter den Kassen an einem weiteren Checkpoint nochmals vier Kontrolleure. Zu der Zeit und ohne Wissen um das Hausverbot konnte ich dieses Verhalten nicht zuordnen, war es kaum mit 2014 vergleichbar.

Möglicherweise hätte ich es ahnen können, denn das Verhalten der JW gegenüber den sog. Montagsmahnwachen sprach bereits im Frühjar 2014 Bände, sorgte für die Kündigung meines Online-Abos. Dieser Text, eine diffamierend-undifferenziert dargebotene Polemik und mittlerweile hinter dem Paywall verschwunden, er war dann lediglich ein letzter Anstoß, meinerseits die monetäre Solidarität einzustellen. Von der Demonstration am 19.07. auf dem Potsdamer Platz und der beeindruckenden Rede von Evelyn Hecht-Galinski über den Aufruf zum Friedenswinter mit seinen integren (linken) Erstunterzeichnern bis nun eben zur RLK zieht sich die einfachstenfalls ignorierende Spur der JW-Verantwortlichen, ironischerweise zunehmend im Gefolge der (ebenso zunehmend) staatstragenden Linkspartei. Oskar Lafontaine war bei dieser RLK möglicherweise nur ein Feigenblatt; dito Willi Wimmer oder Iwan Rodionow. Wobei Wimmer als CDU-Mitglied keinerlei Berührungsängste hat, bei Rodinows RTdeutsch dankenswerterweise gerade diejenigen zu Wort kommen, von denen sich die Linkspartei und eben auch die JW verabschiedet hat.

Keine Ahnung, ob und in welcher Form Moshe Zuckermann über dieses Verhalten der RLK-Veranstalter informiert ist, ob er und auch Witt-Stahl beispielsweise dies goutieren. Zuckermann zumindest hat es nicht nötig, sich vereinnahmen zu lassen, auch nicht von einer linken Jungen Welt.

 

Viele Grüße an das gesammte Team von KenFM; man liest sich

Bernd Ebert / Berlin

Kommentare

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Fassbar argumentiert lieber EBERTUS

Rosa's Ausdruck von der >>Meinungsfreiheit der Anderen<< scheint bei ihren institutionalisierten Fans in Vergessenheit geraten zu sein....

Eine Schuldigkeit gegenüber den Totalitarismen des herrschenden Zeitgeistes?

Sehr seltsam und schade eigentlich!!!!

Zumindest ein weiterer >>Libertärer<< wurde bei dieser Konferenz sorgfältig ausgegrenzt.

Rainer Balcerowiak berichtet, schon am 8.1.2015, bei duckhome und recht gehaltvoll, von seiner Situation. Ihm wurde die Akreditierung als Journalist verweigert:



"Gegen die Pressefreiheit kann man mit Kalaschnikows und Gesetzen vorgehen, aber auch mit Hausverboten. Am Sonnabend sollte ich im Auftrag des „Neuen Deutschland“ die jährliche Rosa-Luxemburg-Konferenz der „Jungen Welt“ besuchen, bei der auch Oskar Lafontaine auftritt. Am Donnerstag teilte mir der Verlag mit, dass eine Belegschaftsversammlung (sic!) beschlossen habe, meine Akkreditierung zu verweigern und das im Dezember 2011 im Zuge einer arbeitsrechtlichen Auseinandersetzung ausgesprochene Hausverbot bekräftigt. Wie gesagt, es geht um Berichterstattung über eine öffentliche Veranstaltung mit mindestens 1000 Teilnehmern. Kann mir mal jemand erklären, wer eine „linke“ Zeitung braucht, deren Verständnis von Pressefreiheit noch auf dem Stand ist, als die Junge Welt Zentralorgan der FDJ in der DDR war? "



http://www.duckhome.de/tb/archives/13279-Die-Junge-Welt-und-die-Pressefreiheit.html?utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed%3A+Duckhome+%28Duckhome%29
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Im Auftrag des „Neuen Deutschland“  schreibt Rainer Balcerowiak. Ist das Blatt jetzt aus Sicht der JW ebenfalls in Ungnade gefallen, oder gibt es da historisch bedingte, ganz persönliche Differenzen - welche dann natürlich wesentlich schwerer wiegen als diese kleine Konferenz...

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Ich hoffe doch, das euch der samstägliche Termin in Bärlin bekannt ist (?):

"Was wir von Gentechnik, Massentierhaltung, Ackergiften und der Aushöhlung unserer Demokratie durch TTIP halten?

Wir haben es satt!

Wir haben genug von einer Politik, die Stück für Stück unsere Lebensgrundlagen zerstört! Deshalb werden wir auch in diesem Jahr zu Zehntausenden ein starkes Zeichen setzen: für eine ökologische und bäuerliche Landwirtschaft und für einen gerechten Welthandel!

Kommen Sie mit uns zur großen Demonstration "Wir haben es satt!" am Samstag, 17. Januar ab 12 Uhr am Potsdamer Platz in Berlin.

Das Umweltinstitut ist auf der Demo präsent und mit einem Infostand am Potsdamer Platz vor Ort. Dort sammelt sich die Demo und es findet eine Auftaktkundgebung statt.

Eine Karte mit Bussen zur Veranstaltung und eine Mitfahrbörse finden Sie unter"

www.wir-haben-es-satt.de/start/anreise

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Und wir sind doch keine Berufsdemonstrierer. Außerdem muss -politisch korrekt- erst mal verifiziert werden, wer so alles aufruft und sich dann ggf. während der Demo zeigen könnte. Man will ja schließlich nicht in schlechte Gesellschaft kommen.... 

Ich kann mich da auch nur Fahrwax anschließen und den Brief gut nachvollziehen. Als ich von der RL-Konferenz gehört habe, hatte ich den Impuls da hin zu wollen, Willi Wimmer und Oskar Lafontaine hätten mich sehr gereizt. Jetzt weiß ich nicht, was ich von so einer Veranstaltung halten soll. 

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Hallo MO, und natürlich ist auch meine Stellungnahme von einem ambivalenten Gefühl durchzogen, was die JW angeht. Gut, dass es sie gibt, nur ist sie nicht sakrosankt, muß konstruktiver Kritik zugänglich sein, diese Kritik zumindest aushalten können. Und da es dort keinerlei offene Diskusionsforen gibt, das Ignorieren von Kritik möglicherweise Programm ist, so hilft (ein wenig zumindest) dann nur noch die Verweigerung der monetären Unterstützung.

Was mich nicht daran hindert, auch weiterhin entsprechende (ggf. kostenpflichtige) Veranstaltungen -beispielsweise in der Ladengalerie- wahrzunehmen.

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Die hirarchische Struktur, nicht nur dieser Institution, stellt den Erhalt ihrer Struktur über ihren Bestimmungszweck (Gründungsmythos).

Ein Phänomen das sich auch in Parteien und sonstigen Institutionen auffinden lässt. Das diese Umkehrung des Bestimmungszweckes sich nun erkennbar gegen die Grundgedanken von Rosa Luxemnurg richtet, ist kein Zufall - sondern liegt in der Natur der Institution. Das der Erhalt einer KP-Parteihirarchie schnell wichtiger wird als der >>Kommunismus<< ist oft genug und hinreichend bewiesen, vergleichbares ist ebenfalls bei SPD, FDP, CDU, CSU und GRÜNEN beobachtbar.