21 Mär 2018

die vorgeschützte sicherheit

Submitted by Redaktion

Der folgende Text stammt aus dem Februar 2017 und ist von Helder Yuren. Wir können Helder nicht mehr fragen, warum er ihn damals nur als Entwurf gespeichert hat. Hier und jetzt beim Aufräumen alter Textfragmente entdeckt, so sollte er jedoch nicht weiter schlummern und wird daher, Helders Einverständnis posthum vorausgesetzt, nun auch öffentlich gemacht.

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die vorgeschützte sicherheit

Von Helder Yuren, im Termitenblog gespeichert am 20.02.2017


alle lebewesen sind vom tode bedroht, sie sind sterblich. diese binsenweisheit zieht die andere nach sich, dass das verlangen nach schutz und sicherheit zu den menschlichen grundbedürfnissen gehört. der brockhaus vor 50 jahren:
"Sicherheit ist ein Bedürfnis insbesondere der gesitteten Gesellschaft."
beängstigende aktivitäten, einrichtungen und situationen rufen bei sehr vielen menschen bereits angst- und fluchtreaktionen hervor, selbst wenn unmittelbar keine gefahr droht. oft genügt es schon, dass von tod und terror lediglich die rede ist.


durch kollektive erfahrung können einzelne worte und wendungen emotional so stark aufgeladen sein, dass sie peinlich gemieden und schließlich ganz aus dem wortschatz, das heißt, aus dem kollektiven gedächtnis verdrängt werden.
ein beispiel hierfür ist die getilgte bezeichnung für gift im modernen wortsinn. gift hatte ursprünglich die noch im wort mitgift bezeugte bedeutung "gabe"(s. auch englisch "gift" als ableitung von "to give" = geben).
der verhüllende ausdruck klang, als er noch semantisch neu war, nicht nur verharmlosend, wo es einem oder einer ans leben ging, er evozierte unbesehen sogar freundliches nach dem motto: geben ist seliger denn nehmen.
die mechanismen, die am ende beschönigungen, eufemismen hervorzaubern, sind heute keineswegs außer kraft. sie werden allerdings überlagert und verzerrt durch bewusste eingriffe in den wortgebrauch, genannt sprachregelung.
werbefachleute und politiker verwenden todsicher einen beschönigenden ausdruck, wo es um eine heikle sache geht.
zur verhüllung oder beschönigung lebensbedrohlicher unternehmungen und einrichtungen bieten sich im deutschen die grundwörter "schutz" und "sicherheit" als besonders geeignet an.

die unleugbar magische wirkung aufs gemüt, die von ihnen ausgeht, stempelt sie zu beruhigungsmitteln gleich den heutzutage unentbehrlichen tranquilizern aus der apotheke.

als kaiser und krieg ihre größte attraktivität eingebüßt hatten, steckte die bürgerliche regierung zurück und nannte das vormals kaiserliche kriegsministerium um in "reichswehrministerium", dessen synonym heute allgemein gebräuchlich ist: "verteidigungsministerium".
das wort reichswehr (wie anschließend "wehrmacht" und  "bundeswehr") erinnert an abwehr und feuerwehr, eine doch allgemein anerkannte, nützliche und notwendige institution, wenngleich es angemessener wäre, ans gewehr zu denken   
  zum einen, weil die waffe das handwerkszeug der kriegshandwerker ist, zum anderen, weil das lemma gewehr einen aufschlussreichen bedeutungswandel erfahren hat.

im althochdeutschen stand gewehr abstrakt für verteidigung, abwehr, schutz, später erst konkret für die waffe.
ferner bietet die neuere wortgeschichte einen schönen beleg für das, was tradition und technischer fortschritt gemeinsam zu leisten vermögen.
das seitengewehr, sprich: der säbel der vorigen jahrhunderte, produzierte nur einen kleinen bruchteil des schutzes und der sicherheit, die ein intaktes maschinengewehr heute verspricht.

im kybernetischen zeitalter konnte einerseits die effektivität der "sicherheitsorgane" (laut duden: "mit Staatsschutz und Spionageabwehr befasste Dienststellen") gewaltig gesteigert werden; andererseits kommt es immer häufiger vor, dass einzelne abteilungen der "sicherheitskräfte" (laut duden: "für die öffentlche, die innere Sicherheit zuständige polizeiliche o.ä. bewaffnete Kräfte") gegen anschuldigungen aus der bevölkerung in schutz genommen werden müssen, sie hätten illegal in grundrechte eingegriffen und z.b. den "datenschutz" missachtet.
die klageführenden sollten sich darüber im klaren sein, dass a) übergriffe in ausnahmefällen unvermeidlich sind und b) dass durch öffentliche debatten die "sicherheitsorgane" womöglich empfindlich in ihrer arbeit beeinträchtigt werden und schließlich c) dass alle "vertrauenbildenden maßnahmen" auf diese weise zunichte gemacht werden.

dies alles muss wiederum weite teile der bevölkerung verunsichern, sodass verstärkte "sicherheitsvorkehrungen" die notwendige folge sind.
"unsere atomkraftwerke sind sicher" wie unsere renten. und die "sicherheit im straßenverkehr" hat priorität.
die realpolitik ruft nicht nach dem sicheren auto; sie begnügt sich maßvoll mit vorschriften betreffend das "sicherheitsglas", den "sicherheitsgurt", den "sicherheitsabstand" und genehmigt beizeiten höhere "versicherungsprämien" und bußgelder.

wenn die nato allgemein und die brd im besonderen aufrüsten und die milliarden für den sog. verteidigungsetat verdoppeln, ist das nicht als kriegsvorbereitung misszuverstehen, denn es dient offiziell der erhöhung der sicherheit. in einem anfall von bewusstlosigkeit wurden die kriegstruppen der nato in afghanistan ganz offiziell in den nachrichten als schutztruppe bezeichnet, eine deutliche anleihe am wortgebrauch der kaiserzeit, als die deutsche truppe in den kolonien, die als schutzgebiete bezeichnet wurden, eben schutztruppe hieß. und als die natürliche umwelt nicht mehr zu retten war, wurde der umweltschutz groß geschrieben, obschon das nur eine neue bezeichnung für den älteren naturschutz war. werder diese noch jene haben aussicht zu profitieren. warum sollte es den daten beim datenschutz besser ergehen als der oder der umwelt bei den genanten schutzmaßnahmen? schutz und sicherheit sind vorgeschützt.

Kommentare

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Lieber Bernd,
Dank, dass Du diesen hervorragenden Text von Helder für uns "gerettet" hast.
Alle, die wir in facebook und sozialen Medien unterwegs sind, werden uns selten bewusst, wie ungeschützt wir sind. Persönlich bin ich wenig angstanfällig und gehe dementsprechend nicht auf Schutz-Suche. Vielleicht hängt das mit meinem Alter zusammen. Meine Kinder und Enkelkinder befinden sich da sicher in einer anderen Situation. Wir wissen von Untersuchungen, dass die überwiegende Mehrheit der Deutschen, nur von denen rede ich hier, tief innewohnende Ängste hat und sich total ohnmächtig gegenüber der Umwelt fühlt. Deshalb wird sie Aufrüstung der Polizei und "Bundeswehr" nur umso bereitwilliger zustimmen. Der Einsatz der Bundeswehr, die Waffenproduktion und ihr Export dienen dem Sicherheitsbedürfnis des Bürgers. Alles ist nur Abwehr, ist vorausschauende Verteidigung, selbst wenn damit Millionen "Andere" ans Messer geliefert werden.

Bild des Benutzers ebertus

Helder setzt sich sehr zutreffend mit diesem (neudeutsch) Wording auseinander, welches die Begriffe umwidmet, ihnen einen oft vollkommen gegenteiligen Sinn einpflanzt; dort, wo das schlecht möglich ist, den Begriff auf einen informellen, einen subtil zelebrierten, heute in der Regel "neurechten" Index verweist.

Gegen manche Gefahren kann man sich schützen, zum Teil wenigstens; und einfach keinen Account bei Facebook & Co. haben, das mag in gewissen Kreisen zwar belächelt werden, auch schon mal Ächtung hervorrufen, ist dennoch sehr leicht möglich und obendrein sogar "noch" zulässig.

"Soziale Medien" ... auch so ein Wording ...

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Antwort auf ebertus  zum Kommentar Sicherheit & "Wording"
 

und der wäre für Facebook und Twitter mit einem Pseudonym zu arbeiten. Dann lässt sich bei den Einstellungen so ziemlich alles einschränken oder abstellen, was dem Interesse von Facebook dient. Facebook nutze ich wenig, gelegentlich zu einem politischen Tweed.

"Soziale Medien" als Begriff ist ja eh nur eine Marketingerfindung der Konzerne, trifft aber die Mentalität von Millionen Nutzern, die sich in etwa so zusammenfassen lassen: "man habe ja nichts zu verbergen, und deshalb sei es kein Problem, überwacht zu werden", hier in den Medien als Datenklau zu beschreiben, wobei Klau weniger zutreffend ist, da diese User förmlich darum betteln, dass ihre Privatheit zur Öffentlichkeit wird. Da scheint ein beträchtliches Defizit an Persönlichkeitsentwicklung vorzuliegen.

Twitter wurde von mir als ein "Nachrichtenportal" konfiguriert mit diversen Listen über meine Interessengebiete. Ächtung halte ich nicht für notwendig, aber wie eine sinnvolle Nutzung des Smartphones auch, muss man sich halt vorher überlegen, wieviel man von sich preisgeben will.

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Antwort auf pleifel  zum Kommentar Es gibt doch einen Kompromiss
 

gehe ich ja ein; und habe, wenngleich widerwillig, neben Threema auch noch WhatsApp auf dem Smartphone.

Aber da geht es eben schon los mit den Kompromissen, die (mir) Bauchschmerzen machen. So muss man WhatsApp immer seine gespeicherten Telefonnummern zur Verfügung stellen, kann nur mit beidseitig referenzierten, gültigen Handynummern kommunizieren, während man Threema auch vollkommen anonym nutzen darf.

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Antwort auf ebertus  zum Kommentar Diesen Kompromiss
 

auf den Nutzerkreis eingeschränkt bist, der diese Software nutzt und das dürfte "noch" überschaubar sein, richtig?

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Antwort auf pleifel  zum Kommentar Wobei Du dann aber
 

Für unsere Italiengruppe nutzen wir beispielsweise WhatsApp, weil nur so alle interessierten Menschen einzubinden sind.

Wenn möglich jedoch Threema und für meine nächste Tour nach Skandinavien ab Mitte/Ende Mai habe ich dafür bereits eine Gruppe vorbereitet. Das interessiert außer mein Familienumfeld und vielleicht noch zwei oder drei, ebenfalls Threema nutzende Menschen eh' keine Sau ...

Interessant vielleicht, dass man mit Threema und eben ohne Telefonnummer auch weltweit (verschlüsselt) kostenlos telefonieren kann, soweit die genutzte WLan-Verbindung einigermaßen performant ist.

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Die Abwehr gegen Verlust ist ein elementares Bedürfnis. Darum werden die Besitzenden ihre Besitzstände verteidigen und wenn möglich ausweiten.

  • 50% sind Unterschicht, die haben nichts und darum auch kein Vermögen mehr zu verlieren. Lediglich ihre Wertschöpfung wird abgeschöpft.
     
  • 40% sind Mittelschicht, sogenannte Funktionseliten. Die haben Vermögen, verlieren aber weiter ihre Besitzstände und sind darum verunsichert. Diese Leute zocken die Wertschöpfung der Unterschicht ab.
     
  • 10% sind Abschaum und zocken sowohl bei der Wertschöpfung, als auch beim Vermögen aller anderen ab.

Diese Verhältnisse werden verteidigt; nebenbei auch die globalen Verhältnisse, bei denen 1 Milliarde Menschen hungert und verhungert.

Gier reicht eben nicht für alle.

Bild des Benutzers Heinz

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verschiebt sich der Begriff innere und äußere «Sicherheit» von den real existierenden Sicherheitsbetrieben Polizei, Zoll, Militär, Geheimdienste auf die Medien; niemand hat das besser zelebriert, als Joseph Goebbels. Übertragen auf heutige Verhältnisse reagieren die Regierungen mit der engeren Bindung von der Verwaltung der digitalen Medien an ihre zentrale Staatsmacht.

Als Beispiel BR: Minister für Europa, Digitales und Medien Georg Eisenreich

Bei der Sicherheit, in die uns das Polit-Personal verschaukeln will, geht es nicht um objektive und funktionale Sicherheit, sondern um das Bewußtsein im Volk draußen im Lande, schließlich verlängern die den Arbeitsvertrag alle vier Jahre mit ihrem Kreuzchen.

Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung belegt zunehmende autoritäre Regierungen.

SZ: Diktatur gewinnt, Demokratie verliert